Die Vielfalt / Fragmentierung von Android – ein Problem?

Angeheizt von einem Artikel bei TheNextWeb war die letzten Tage wieder einmal die uralte Diskussion um die Fragmentierung Produktvielfalt bei Android heiß entbrannt. In diesem Zuge haben sich nun auch mal einige jahrelange Android Entwickler zu Wort gemeldet deren Artikel ich noch am Ende diesen Beitrages verlinken werde.

Doch schauen wir erst einmal was Android ist und sein möchte. Wenn das Wort Android fällt denken die meisten in erster Linie an SmartPhones und Tablets, aber in der Realität ist es ein Linux System welches für viele weitere Anwendungszwecke adaptiert werden kann.

Ein Beispiel wäre Vendscreen welche erst kürzlich von mehreren Investoren 12 Millionen US$ für ihr innovatives Konzept von neuen Verkaufsautomaten basierend auf Android erhalten haben. Automaten die aus der Ferne überwacht werden können und Verkaufsstatistiken übermitteln. Selbst Produktinformationen und Preise lassen sich nun bequem aus der Ferne aktualisieren. Ein weiteres Beispiel wäre die Polaroid SC1630 – die erste point-and-shoot Kompaktkamera mit Android. Von der Verarbeitung war diese zwar noch alles andere als überzeugend aber wenn die Hersteller von Kompaktkameras überleben wollen müssen sie auf den Zug des sozialen Teilens von Fotos aufspringen. Ich denke es wird nicht lange dauern bis wir weitere Kompakt- oder spiegellose Systemkameras mit einem Android Betriebssystem sehen werden. Wir hatten erst kürzlich in einer Community für mobile Fotografie eine Umfrage in welcher ein großer Teil der Nutzer lieber eine Kamera mit integrierten SmartPhone Fähigkeiten kaufen würde als ein SmartPhone mit hinein gezwängter Kamera. Die heutigen SmartPhones sind derartig dünn geworden dass viele lieber ein 2-3x so dickes Device hätten wenn dafür der Sensor um ein vielfaches größer und eine entsprechend gute Optik verbaut wäre. Sony, Panasonic und Samsung könnten hier in Zukunft ganz heiße Kandidaten sein.Diese Beispiele könnte man nun endlos fortführen. Von Küchengeräten über die häufig diskutierten Google Glasses bis zu vielleicht bald erhältlichen Motorradhelmen mit integriertem Navi und Tacho um den Blick auf der Straße zu halten – Skibrillen gibt es ja bereits mit Android Anbindung (Mod Live).

Wenn man diese vielfältigen Einsatzmöglichkeiten betrachtet sollte jedem bewusst werden dass man dies mit einem “einfachen” SmartPhone OS wie iOS überhaupt nicht vergleichen kann.iOS ist dagegen wie eine Spielekonsole die innerhalb der vorgegebenen Gegebenheiten tadellos funktioniert aber sobald man diese jemals erweitern möchte schnell an seine Grenzen stößt. Hier hat Apple sich eine Einbahnstraße geschaffen die selbst neue Displaygrößen bereits zu einer großen Hürde werden lässt da ein abweichen der gewohnten Auflösung, oder eines vielfachen davon, mal eben alle Apps im Store vom Design komplett zerstören würde. Selbst ein etwas größeres Display bei gleichbleibender Auflösung könnten sie sich nun auf Grund ihres selbst erschaffenen Begriffes “Retina Display” nicht mehr erlauben wie es selbst John Gruber einst in seinem Blogbeitrag zugegeben hatte (Link).

Wie man sieht treffen hier zwei völlig verschiedene Welten aufeinander. iOS kann niemals zu einer Gefahr für Android werden und auch im SmartPhone & Tablet Bereich wird deren Marktanteil immer weiter purzeln bis er auf den Teil der treuesten Fanbase geschrumpft ist welche sich aber auch verdienterweise erhalten werden. Der wirkliche Kontrahent für Android ist Microsoft und dort reißt Android nicht nur Windows Phone jeglichen Boden unter den Füßen weg sondern stellt auch für Windows CE / Embedded eine riesen Konkurrenz dar. Habt ihr jemals in einem Fotogeschäft oder Drogeriemarkt an einem dieser Picture Kiosk Maschinen Abzüge ausdrucken lassen? Diese Geräte laufen auf Windows und ich sage euch es ist ein Graus. Ich habe lange Zeit in einem Fotofachgeschäft gearbeitet und es wäre ein Segen gewesen wenn diese Maschinen bereits auf einem Android System basiert hätten. Nicht nur für uns Mitarbeiter sondern auch für den Kunden dem sich durch zusätzliche Apps ganz andere Möglichkeiten ergeben hätten. Bei den derzeitigen Windows Systemen hatten wir teilweise 2 Jahre auf ein Update seitens Kodak gewartet bis die es mal ermöglicht hatten mehrere Bilder auf einmal auszuwählen – mal ganz davon zu schweigen dass wir die Maschinen mindestens einmal im Monat neu aufsetzen durften weil das uralt Windows wieder einmal streikte. Microsoft ist sich dieser Gefahr offenbar ganz bewusst was auch die ganzen “Versuche” gegen Google zu strampeln erklärt. Neben den peinlichen Werbeaktionen betreibt Microsoft auch einen ziemlich schmutzigen Lobbyismus im europäischen Parlament worüber vor kurzem sowohl Rick Falkvinge der Schwedischen Piratenpartei (Artikel) als auch The Economist berichteten (Artikel).

Aber zurück zum Thema – wie kommt es also immer wieder zu diesen Berichten dass die Entwicklung für Android so schwierig sei?

Nun, erst einmal muss man sich vor Augen halten dass derartige Aussagen fast ausschließlich von iOS Entwicklern stammen – manche Software- oder Webentwickler würden nun gar boshaft sagen “von Designern die gelernt haben sich ihren Code zusammenzuklicken”. Das was manche iOS Entwickler fabrizieren erinnert an die Webentwicklung vor 10-15 Jahren. Damals hatte noch fast jeder einen 15″ Monitor mit einer 800x600er Auflösung – wenn es hoch kam 1024×768. Was machten also die damaligen Webentwickler? Sie kreierten ihre fixen Layouts (optimiert auf die gängigste Auflösung), welche teilweise nur auf simplen Bildern basierten, deklarierten darin fixe Bereiche als Buttons und klatschten einen iFrame für den Content hinein. Es sah hui aus, war aber aus technischer Sicht einfach nur p da das Konzept zusammenbrach sobald ein Nutzer eine andere Auflösung nutzte oder sein Browserfenster verkleinern wollte. Auch sonst erinnert mich bei iOS noch so einiges an die Webseiten vor 10-15 Jahren. Buttons mit 50% Glare oder im Glasstil waren seinerzeit ebenso beliebt (Beispiel: 1 & 2) wie die damals so verteufelten Popup Meldungen welche fester Bestandteil von iOS waren bis Apple sich vom Notification System Androids inspirieren ließ. Optik ist natürlich auch immer Geschmackssache – mir zumindest drängt sich dieser Vergleich jedoch sofort auf da ich mich noch gut an die Zeit erinnern kann. Nun dürfte jedoch jedem klar sein dass man mit derartig stupiden Methoden bei der Vielfalt von Android scheitern wird.

Wenn man sich die Landschaft der Displaygrößen und Pixeldichten bei Android betrachtet ist es nicht wirklich wilder als bei iOS. Die Größe selbst ist bei relativen Layouts bis zu einem gewissen Grad kein Problem (Designing for Multiple Screens) und die Pixeldichten beschränken sich lediglich auf zwei um bereits 84,2% der Endgeräte am Markt abzudecken (Statistik).
Ähnlich schaut es bei den Android Versionen aus. Während wir Geeks immer die aktuellste Version haben möchten macht es für den “normalen” Konsumenten kaum einen Unterschied. Nur ein minimaler Prozentsatz an Anwendungen, ich würde es auf einen einstelligen Prozentbereich schätzen, benötigt für seine Umsetzung eine neuere Android Version als Froyo (2.2) oder neuer. Dies sind derzeit 93% aller Android Geräte (Statistik). Dabei bedeutet es nicht dass eine App die Abwärtskompatibel bis hinunter zu Froyo ist nicht auch automatisch die neuesten ICS Features nutzen kann. Hierzu gibt es die compatibility library welche viele neue Funktionen auch auf Geräten mit älteren Android Versionen zugänglich macht. Sollten dennoch mal Dinge verwendet werden die bei älteren Geräten schlichtweg nicht möglich sind lassen sich diese auf dem Device einfach deaktivieren.

Insbesondere bei Anwendungen gibt es für einen Entwickler der sein Handwerk versteht also absolut keine Probleme. Hier bietet Android einzigartige Möglichkeiten um für eine derartig vielfältige Plattform auf einfache Art und Weise zu entwickeln die viele Android Entwickler auch zu schätzen wissen.

Ein Punkt der jedoch auch von Android Entwicklern lange Zeit bemängelt wurde war der träge Emulator. Mit dem kürzlich veröffentlichten Update auf r17 hat dieser nun jedoch die Unterstützung der Hardwarebeschleunigung erhalten wodurch dieses Problem nun auch der Geschichte angehört. Bleiben einzig und allein noch die Spiele bei denen es in der Tat manchmal etwas kniffliger sein kann weil die unterschiedlichen CPU/GPU Kombinationen durchaus mal Shader oder andere Features unterstützen die von anderen wiederum nicht unterstützt werden. Dies ist jedoch etwas mit dem Spieleentwickler bereits seit Jahrzehnten zu kämpfen haben da es auf dem PC Markt nicht anders ausschaut.

Wie man sieht ist das Thema der Fragmentierung ein durch und durch aufgewirbelter Medienhype der kaum relevant ist. Entwickler die sowohl für das Web als auch Android entwickeln bezeichnen die Android Entwicklung oftmals sogar als Urlaub und der normale Konsument weiß in der Regel nicht einmal welche Android Version er besitzt. Einzig wir Geeks, die stets die neue Version haben möchten und Tech News verfolgen, hätten gerne schnellere Updates. Aber genau für uns gibt es sowohl die Nexus Reihe als auch die Custom Rom Möglichkeiten. Und seien wir mal ehrlich – die meisten von uns kaufen sich inzwischen nach einem Jahr eh wieder das nächste SmartPhone weil wir die neueste Technologie haben möchte. Genau dieser schnelle technische Fortschritt ist ja auch einer der Gründe warum wir zu Android greifen. Für die Hersteller selbst ist der Update Prozess zur nächsten Version ein ziemlich langer und aufwendiger Prozess – Sony hatte darüber vor einigen Monaten einen etwas ausführlicheren Blogbeitrag verfasst (Link).
Zudem darf man auch nicht vergessen das Apple beispielsweise seine Updates erst kurz vor Release ankündigt. Die Zeit zwischen den unterschiedlichen iOS Versionen war aber teilweise doppelt so lang wie bei Android. Rein psychologisch betrachtet würde diese ganze Diskussion wohl nicht existieren wenn Google seine neuen Versionen erst präsentieren würde wenn die SmartPhone Hersteller bereits ihre Updates fertig haben, aber für den Fortschritt von Android und die Entwickler wäre dies ein Rückschritt in der Weiterentwicklung denn dann wären wir bei einem ähnlichen Tempo wie iOS angelangt bei dem sich OS technisch in den vergangenen Jahren kaum etwas verändert hat. Ich sehe es also weniger als Nachteil dass die Konsumergeräte meist 4-10 Monate benötigen bis sie die letzte OS Verison erhalten, sondern als Vorteil dass wir dank der Nexus Reihe und den Custom Roms die Möglichkeit bekommen stets mit dem neuesten zu “spielen” und somit auf eine Ebene mit den Hardwareherstellern gestellt werden.

Wer noch einige Aussagen von Entwicklern lesen möchte findet in den folgenden Links durchaus interessante Äußerungen:

Artikel von Anuj Ahooja – jahrelanger hauptberuflicher Android Entwickler:
Think Different – über die positive Vielfältigkeit welche Android ermöglicht
Fragmentation is a Bad Excuse –  darüber warum er als Entwickler Android für seine unterstüzte Gerätevielfalt lobt und nicht verteufelt

Artikel von Steven Van Bael – Entwickler mehrer Android Apps:
Android fragmentation is a feature

Und zu guter letzt ein extrem amüsanter Beitag von Hipster Programmer auf Google+. Hier sollte man sich auch den ersten Kommentar von Jean -Baptiste Queru nicht entgehen lassen..
https://plus.google.com/106631699076927387965/posts/eEeHK3dBZMG